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Kontakt

Prof. Dr. Dr. Martin Härter / 
Dr. Jörg Dirmaier
Ansprechpartner:
Nina Weymann, Dipl. Psych.
Institut und Poliklinik für 
Medizinische Psychologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistrasse 52 (W 26)
20246 Hamburg
Tel: +49 (040) 7410 57134
E-mail:

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Entwicklung und Evaluation eines interaktiven Informationssystems für Patienten/Innen mit chronischen Erkrankungen (InfoChron)

Weymann, N., Dirmaier, J., Härter, M.

Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, 
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

 

Hintergrund und Ziele

Die Ziele des Projektes waren die Entwicklung und Evaluation eines interaktiven, präferenzsensitiven, webbasierten Patienteninformationssystems zu den Indikationen chronischer Kreuzschmerz und Diabetes mellitus Typ 2. Ziele des Systems sind verbesserte Erkrankungswissen und Empowerment sowie – bei Patienten/innen, die vor einer medizinischen Entscheidung stehen - die Reduktion von Entscheidungskonflikten und  eine verbesserte Vorbereitung auf die ärztliche Konsultation.

 

Methodik

Vor der eigentlichen Entwicklung des Patienteninformationssystems wurden zwei Vorstudien durchgeführt: Im ersten Schritt wurde untersucht, auf welche Angebote Patienten mit chronischem Kreuzschmerz bzw. Diabetes mellitus Typ 2 im Internet bisher zurückgreifen können. Ziel war, das zu entwickelnde System optimal auf bestehende Versorgungslücken abstimmen zu können. Im zweiten Schritt wurden Patienten mit chronischem Kreuzschmerz bzw. Diabetes mellitus Typ 2 im Rahmen einer Bedarfsanalyse direkt angesprochen und zu ihren Bedürfnissen befragt. Basierend auf den Ergebnissen dieser beiden Vorstudien wurde im dritten Schritt das System entwickelt.

Im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie im Prä-Post-Follow-up-Design wurde schließlich die Wirksamkeit und Akzeptanz eines solchen bedarfsorientierten Patienteninformationssystems gegenüber standardisierten Patientenin­formationen hinsichtlich dieser Outcomes untersucht. Es wurde an­genommen, dass durch die bedarfsorientierte und an den individuellen Präferenzen orientierte Darbietung der Informationen der Nutzen des Patienteninformationssystems gegenüber herkömm­lichen Patienteninformationen erhöht werden kann.

Die primären Outcomes waren indikationsspezifisches Wissen (erhoben unmittelbar nach Systemnutzung) und Empowerment (operationalisiert über die Skalen Emotionales Wohlbefinden,  Selbstüberwachung und Krankheitsverständnis, Erwerb von Fertigkeiten und Handlungsstrategien, Kooperation und Zurechtfinden im Gesundheitswesen, Gesundheitsförderliches Verhalten, Aktive Beteiligung am Leben sowie Konstruktive Einstellungen; erhoben drei Monate später). Sekundäre Outcomes waren Entscheidungskonflikt und Vorbereitung auf die Entscheidungsfindung sowie die Akzeptanz des Informationssystems. Dabei wurden die Teilnehmer im Verhältnis 9:1 der Evaluation bzw. der Akzeptanzprüfung zugeordnet.

Die Daten für die Stichprobenbeschreibung wurden mit t-Tests (für intervallskalierte Daten) und c2- Tests (für kategoriale Daten) analysiert. Die Daten für die Hypothesentestung wurden mit einer logistischen Regression (für binäre Daten) und univariaten Varianzanalysen (für intervallskalierte Daten) analysiert.

 

Ergebnisse

Insgesamt wurden 561 Teilnehmer eingeschlossen. Von diesen hatten N=179 einen Diabetes mellitus Typ 2 und N=382 chronischen Kreuzschmerz. Zum Follow-up konnten bei beiden Indikationen noch über 50% der Teilnehmer erreicht werden.

Unmittelbar nach der Nutzung des interaktiven Informationssystems bzw. der Standard-Website war das indikationsspezifische Wissen in der Interventionsgruppe (IG) signifikant höher als in der Kontrollgruppe (KG). Dieser Effekt war in der Kreuzschmerz-Stichprobe deutlicher zu sehen als in der Diabetes-Stichprobe. Hinsichtlich des Empowerments zeigten Teilnehmer der Interventionsgruppe ein hochsignifikant stärkeres emotionales Wohlbefinden als die Teilnehmer der Kontrollgruppe (p=0,009). Weitere signifikante Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe gab es nicht.

N=324 Teilnehmer gaben an, vor einer konkreten medizinischen Entscheidung zu stehen. Unmittelbar nach der Nutzung der Informationen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe hinsichtlich des Entscheidungskonflikts oder der Vorbereitung auf die Entscheidungsfindung.

N=26 Teilnehmer wurden der Akzeptanzprüfung zugeordnet und füllten den Bogen aus. Alle Teilnehmer gaben an, das System weiterempfehlen zu wollen. Hinsichtlich der Akzeptanz unterschiedenen sich das individualisierte und das statische Informationssystem deshalb nicht (p=0,999).

 

Diskussion

Die Hypothese, dass Tailoring und Interaktivität den Wissensgewinn steigern, konnte bestätigt werden. Dass dies insbesondere für die Teilnehmer mit Kreuzschmerz zutraf, könnte darauf hindeuten, dass das Tailoring für diese Indikation gelungener war, beispielsweise relevantere Tailoringvariablen ausgewählt wurden.

Die Hypothese, dass das interaktive System im Vergleich zum statischen System zu mehr emotionalem Wohlbefinden drei Monate nach Systemnutzung führt, konnte ebenfalls bestätigt werden. Die HeiQ-Skala „emotionales Wohlbefinden“ erfasst aversive Emotionen wie Wut oder Hilflosigkeit in Bezug auf die Erkrankung. Ein möglicher Wirkfaktor könnte hier die durch die Interaktivität gesteigerte empathische und motivierende Wirkung des Systems sein. Entgegen der Hypothese konnte hinsichtlich der anderen sechs eingeschlossenen HeiQ-Skalen kein signifikanter Effekt der Interaktivität festgestellt werden. Möglicherweise konnte der Effekt, der auf emotionaler Ebene erreicht wurde, nicht auf die kognitive (Skala „konstruktive Einstellungen“) und Handlungsebene übertragen werden. Zukünftige Patienteninformationssysteme sollten möglicherweise die konkrete Handlungsebene noch stärker fokussieren.

Ein großer Anteil der Teilnehmer (N=324) stand zum Zeitpunkt der Systemnutzung vor einer konkreten medizinischen Entscheidung bezüglich ihrer Erkrankung. Dies unterstreicht die Relevanz eines Schwerpunkts solcher Systeme auf Aspekte der Partizipativen Entscheidungsfindung. Entgegen der Hypothese zeigten sich keine signifikanten Effekte der Interaktivität auf Entscheidungskonflikt oder Vorbereitung auf die Entscheidungsfindung. Eine Erklärung könnte sein, dass im System keine Entscheidungshilfen im engeren Sinne enthalten waren, bei denen Interaktivität möglicherweise noch stärker hätte zum Tragen kommen können. Schwierig war hier die große inhaltliche Breite der Systeme, da klassische Entscheidungshilfen eher klar umrissene Entscheidungen zwischen zwei Optionen zum Gegenstand haben. Für künftige Systeme sollte erwogen werden, eher einzelne Aspekte einer Erkrankung und einzelne Entscheidungen herauszugreifen, um diese stärker fokussieren zu können.

In Bezug auf die Akzeptanz zeigte sich ebenfalls kein signifikanter Effekt der Interaktivität: Alle Teilnehmer, die den Akzeptanzbogen ausfüllten, gaben an, das System weiterempfehlen zu wollen, unabhängig davon, ob sie das interaktive oder das statische System genutzt hatten. Möglicherweise hatten die Charakteristika, die beide Systeme gemeinsam hatten – Inhalte, Sprachstil, optische Gestaltung – einen größeren Einfluss auf die Akzeptanz als die Interaktivität, so dass diese keinen signifikanten Zusatzeffekt mehr erzielen konnte. Zudem war die untersuchte Substichprobe zu klein, um einen Effekt finden zu können.

Patienteninformationssysteme für Menschen mit chronischen Erkrankungen können die persönliche Schulung und Interaktion mit Behandlern sinnvoll ergänzen. Sie werden von den Betroffenen wie auch ihren Behandlern gewünscht. Um weitergehende Effekte auch auf kognitiver und Handlungsebene zu erzielen, wäre möglicherweise eine konkretere Behandlung alltäglicher Selbstmanagement-Situationen sowie einzelner medizinischer Entscheidungen hilfreich. Insgesamt wäre daher zu überlegen, ob die im vorliegenden Projekt abgedeckte inhaltliche Breite zugunsten weniger, dafür detaillierter behandelter Themenbereiche zu reduzieren wäre

 

Die technische Umsetzung und Struktur dieser interaktiven Entscheidungshilfe wird derzeit auf eine Webseite für Menschen mit psychischen Störungen (www.psychenet.de) weiterverwendet und -entwickelt.

 

Publikationen:




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