Manualisierte, bedarfsorientierte Psychoedukation in der Akutbehandlung Alkoholabhängiger zur Verbesserung der Inanspruchnahme weiterer Hilfen
Hintergrund
2 - 3% der deutschen Bevölkerung über 18 Jahren sind alkoholabhängig. In stationäre Behandlung kommen sie häufig erst wegen Folgeerkrankungen bzw. Komplikationen, wie z.B. einem Alkoholentzugssyndrom, worauf sich die Akutbehandlung dann vielfach beschränkt. Die eigentliche Grunderkrankung bleibt meist unberücksichtigt. Dies führt zu hohen Rückfallraten und damit zu einer hohen Ressourcenbelastung des Gesundheitssystems. Nehmen Alkoholabhängige jedoch weiterführende suchtspezifische Hilfen in Anspruch, erhöht sich die Erfolgswahrscheinlichkeit im Hinblick auf Abstinenz deutlich und damit in der Regel auch die Lebensqualität und die Kosteneffizienz.
Interventionen, die Alkoholabhängige zur Inanspruchnahme weiterführender Hilfen motivieren, sollten deshalb Bestandteil einer Akutbehandlung sein. Bislang liegt keine Evidenzbasierung des kritischen Überganges zwischen Akut- und Postakutbehandlung vor. Vereinzelt praktizierte Modelle (z.B. „qualifizierter Entzug") wurden, wenn überhaupt, ohne Randomisierung oder parallele Kontrollgruppe evaluiert. Aufgrund der in Deutschland weltweit einzigartigen Trennung zwischen Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung gehen gerade an dieser Schnittstelle immer wieder Patienten „verloren". Gelingt eine nahtlose Vermittlung in eine suchtspezifische Postakutbehandlung ist der hohe Nutzen für Patienten und Kostenträger unbestritten.
Ziele
Es soll ein einfach und kostengünstig durchführbares Interventionsmanual für eine motivierende Psychoedukation während der Alkoholentzugsbehandlung entwickelt und evaluiert werden.
Primäres Ziel ist die Erhöhung der Inanspruchnahme weiterführender Hilfen nach Abschluss einer akuten Entzugsbehandlung (Postakutbehandlung). Die vorgesehenen motivierenden psychoedukativen Maßnahmen sollen bedarfsgerecht Wissen und Kompetenzen über die Grunderkrankung Alkoholabhängigkeit vermitteln (Problemaktualisierung), die selbstverantwortliche Festlegung der individuellen Veränderungsziele und unter Erhöhung der Mitwirkungs- und Veränderungsbereitschaft (Ressourcenaktivierung) die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen im Rahmen einer Postakutbehandlung ermöglichen.
Der Einfluss interferierender Variablen soll durchgehend für eine evtl. Anpassung der Interventionen berücksichtigt werden, wie Geschlechtseffekte, sozioökonomische Faktoren (z.B. Arbeitslosigkeit, familiäres Umfeld). Zur Umsetzbarkeit in die klinische Praxis wird evaluiert, ob sich die vorgesehenen motivierenden psychoedukativen Elemente in die bestehenden Konzepte einer Entzugsbehandlung integrieren lassen und wie diese von den Ärzten/Suchttherapeuten und Patienten während der Akutbehandlung akzeptiert werden.
Methoden
Die Evaluation des aus 4 Bausteinen bestehenden Behandlungsmanuals erfolgt durch eine randomisierte, kontrollierte multizentrische Studie. Die erforderliche Stichprobengröße umfasst insgesamt 300 Patienten. Die Interventionsgruppe unterscheidet sich von der Kontrollgruppe lediglich durch die motivierende Psychoedukation im Gruppensetting. Durch eine strukturierte Diagnostik mit standardisierten Interviews und Fragebögen werden potentiell interferierende Variablen des allgemeinen und störungsspezifischen klinischen Erscheinungsbildes, der Persönlichkeit und der Sozioökonomie erfasst. Der Verlauf wird durch Nachuntersuchungen nach 6 und 12 Monaten überprüft.
Aktueller Stand
Nach der Entwicklung und Anpassung der einzelnen Interventionsbausteine mit Praxisbezug wurden die Mitarbeiter in motivierender Gesprächsführung und der Durchführung der Psychoedukations-Bausteine geschult. Vor Beginn der Patientenrekrutierung wurden die gemäß ICH-GCP notwendigen Unterlagen erstellt, wie z.B. ein elektronischer case record file (eCRF), der Datenvalidierungs- und Datenmanagementplan. Nach Abschluss dieser Vorarbeiten konnte zwischenzeitlich am Hauptzentrum Regensburg mit der Patientenrekrutierung begonnen werden. In den anderen Zentren laufen noch die Vorbereitungen für den Start der Untersuchung.
Ausblick:
Bei Nachweis des Erfolges des eingesetzten Behandlungsmanuals könnte über eine Anpassung der therapeutischen Angebote und ggf. der Kostenträgerschaft (z.B. im Rahmen einer Mischfinanzierung) verhandelt werden.
< CRAFT - Bischof  | Internetbasierte ambulante psychosoziale Nachsorge - Watzke >

