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Abschlussbericht Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern

 

Kontakt

Projektleitung und Ansprechpartner:
Christopher Kofahl 

040 7410-54266

 

Mitarbeiter: 
Ayfer Rink, 
Zeynep Yaylaoglu, 
Anne Evers, 
Jannis Hollman, 
Babak Sobhani

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Medizin-Soziologie, Martinistr. 52, 20246 Hamburg

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Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von Krankheitsverlauf, Versorgungskonzept, sozioökonomischem Status und Integration

Hintergrund
Im Gegensatz zur gut untersuchten psychosozialen und sozio-ökonomischen Situation deutscher Typ-2-Diabetiker ist über die Situation der Diabetiker nicht-deutscher Herkunft nur sehr wenig bekannt. Unter den in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten gelten die Türkischstämmigen als eine Bevölkerungsgruppe mit besonders hohem Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Insbesondere die sogenannten Gastarbeiter profitieren wegen ihrer geringen Integration in das deutsche Gesellschaftssystem mutmaßlich nur in eingeschränktem Maße von gesundheitsfördernden und präventiven Angeboten, obgleich sie aufgrund ihrer sozialen Lage und Lebenssituation überdurchschnittlich hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt waren und sind. Es existierte bislang jedoch keine ausreichende empirische Basis für eine angemessene Einschätzung der Lebenssituation dieser Patientengruppe.

 

Forschungsfragen

 

Methodik
Das Projekt war als eine explorative quantitativ-empirische Verlaufstudie mit zwei Erhebungszeitpunkten angelegt. In Kooperation mit 12 Arztpraxen in Hamburg wurden in der ersten Querschnittserhebung im Zeitraum Juli 2008 bis Juli 2009 294 türkischstämmige Diabetiker von 18 türkischsprachigen Interviewerinnen persönlich befragt. In der Follow-Up-Erhebung nach einem Jahr wurden 203 der Befragten erreicht und erneut interviewt.
Die Rekrutierung der Patienten erfolgte bei 130 Patienten konsekutiv über die Arztpraxen. Pro Arztpraxis wurden maximal 30 Patienten rekrutiert, um ein Over-Sampling einzelner Praxen zu vermeiden. In einem zweiten Rekrutierungsstrang erfolgte die Rekrutierung von 164 Patienten über Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Öffentlichkeitsveranstaltungen in den Moscheen und Moscheevereinen sowie über die sozialen Netzwerke der Interviewerinnen.
Die Erfahrungen und Sichtweisen der Ärzte, Diabetesberater, Krankenkassenmitarbeiter und an-derer relevanter Akteure wurden in 34 qualitativen Fokus-Interviews erhoben. Die fachliche Be-gleitung erfolgt durch einen Beirat aus Praktikern und Wissenschaftlern.

 

Ergebnisse
Die in der Studie untersuchten türkischstämmigen Menschen mit Diabetes sind im Durchschnitt 59 Jahre alt (s=9,1), 53 % von ihnen sind Frauen. Die Befragten leben seit durchschnittlich 32 Jahren in Deutschland (s=8,6 Min=1 Jahr, Max=47 Jahre) und besitzen zu 87 % weiterhin die türkische Staatsangehörigkeit. Der Bildungsgrad ist insgesamt gering: ein Viertel der Befragten verfügen über gar keine Schulbildung (35 % der Frauen, knapp 12 % der Männer) und etwa die Hälfte (49 %) haben lediglich 4-5 Jahre eine Schule besucht. Knapp die Hälfte der Befragten kann kaum oder gar nicht lesen und schreiben, wobei auch hier die Frauen deutlich schlechter abschneiden. Auch ist der Anteil derjenigen mit einem guten deutschen Sprachverständnis mit knapp 29 % gering.
78 % der Interviewten sind verheiratet und nahezu alle haben Kinder (96 %, durchschnittlich 3,6 Kinder pro Person). Die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt drei Personen, alleinlebend sind nur 14 %.

Die Diagnose Diabetes mellitus 2 besteht im Durchschnitt bereits seit neun Jahren (s=7,6), insulinpflichtig sind 39 % der Befragten. Im Mittel leiden die Patienten unter 2,2 Begleit- oder Fol-geerkrankungen (s=1,5), wobei die Frauen durchschnittlich 2,6 Begleit- oder Folgekrankheiten angeben (s=1,4) während es bei den Männern nur 1,8 Krankheiten sind (s=1,5) (p = 0,000, Mann-Whitney-Test). Risikofaktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum spielen kaum eine Rolle: 86 % trinken nach eigener Aussage niemals Alkohol, und nur ein Fünftel der Befragten raucht, hier allerdings doppelt so viele Männer wie Frauen. Allerdings liegt bei dem Body Mass Index mit durchschnittlich 32 kg/m2 (s=6,3) ein recht hoher Wert vor.

Die DMP-Patienten (DMP-Selbstauskunft) sind nach Prozess-Qualitätsindikatoren besser versorgt als die nicht eingeschriebenen Patienten. Sie werden häufiger zum Augenarzt überwiesen (96,3 % vs. 81,4 %, p = 0,000), ihre Füße werden häufiger untersucht (89,8 % vs. 65,7 %, p = 0,000) und der überwiegende Teil von ihnen verfügt über einen Diabetikerpass (85,2 % vs. 43,9 %, p = 0,000). Zudem äußern die Eingeschriebenen eine höhere Behandlungszufriedenheit als die Nicht-Eingeschriebenen (zufrieden bis sehr zufrieden: 87,9 % vs. 72,1 %, p = 0,002 [Mann-Whitney-Test]). In diesen Indikatoren unterscheidet sich diese Gruppe der türkischen Ein-geschriebenen nicht von einer Gruppe von 702 hauptsächlich deutschen GEK-Versicherten im Diabetes-2-DMP (Ruß-Thiel 2008).

Rund zwei von drei unserer Befragten haben bereits an einer Diabetesschulung teilgenommen, von diesen haben 60 % eine türkischsprachige Schulung besucht. Die Zuweisung zu einer deutsch-, türkisch- oder gemischtsprachigen Schulung entspricht relativ genau dem Grad des Verstehens der deutschen Sprache, wie sie hier erfasst wurde. Der Anteil der, die ohne oder mit unsicherer Deutschkenntnis an einer deutschsprachigen Schulung teilgenommen haben, beträgt nur 11,4 %. Bei mehrheitlicher Zufriedenheit berichten allerdings 43 % der Frauen und 34 % der Männer, die Schulung habe ihnen wenig oder gar nichts gebracht. Tendenziell profitieren die Befragten mit höherer Schulbildung stärker von den Schulungen. 62 % aller Befragten be-nennen einen Bedarf nach einer Schulung bzw. weiterer Schulungen.

Offensichtlich trägt die Teilnahme an einer speziellen Schulung zu einer Erweiterung des Diabeteswissens bei. So konnten Befragte, die bereits an einer oder mehreren Diabetes-Schulungen teilgenommen haben, signifikant häufiger (p=0,000 Mann-Whitney-Test) die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen des Wissenstest angeben. Dennoch war nur knapp die Hälfte (46 %) der Befragten in der Lage, zumindest rudimentär die Zuckerkrankheit zu beschreiben. Eine Erklärung, die das Zusammenspiel von Blutzucker und Insulin beinhaltete, konnten insgesamt nur 15 % der Befragten geben. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „HbA1c" oder ei-nem in der Praxis alternativ benutzten Begriff wie „Langzeitblutzucker", „Blutzuckergedächtnis" etc.
Über den Zeitverlauf von 12 Monaten bleibt die Versorgungssituation insgesamt stabil. Die Ärzte bewerten in diesem Zusammenhang das DMP bezogen auf diese Zielgruppe und in diesem Kontext insbesondere wegen des Recall-Systems als sehr hilfreich. Verbesserungen oder Stabilität im Zielwert HbA1c erreicht allerdings nur die Gruppe der Patienten mit Zielvereinbarung "HbA1c senken", die Gruppe mit Zielvereinbarung "HbA1c halten", verschlechtert sich leicht.

 

Schlussfolgerungen
Geringe Bildung und niedriger SES sind die Haupterklärungsfaktoren für geringes Diabetes-Wissen und mangelnde Gesundheitskompetenz. Aufgrund der Bildungsferne, Illiteralität und geringen Deutschkenntnisse ist die Entwicklung von bildungsniveau- und kulturadaptierten, schriftfreien und muttersprachlichen Schulungen für den betroffenen Personenkreis zu empfehlen. Zudem sollte das brach liegende Potential von Selbsthilfegruppen gefördert werden, denn in der untersuchten Gruppe berichtete lediglich eine Person, sich hier Unterstützung gesucht zu haben.

In der Interpretation der Projektergebnisse ist aber zu bezweifeln, dass Diabetes-Schulungen allein – selbst wenn diese an die besonderen Bedarfe adaptiert sind – für das Diabetes-Selbstmanagement dieser Zielgruppe ausreichend sind. Die Zielgruppe sollte vielmehr gesundheitsfördernde Maßnahmen (wie z. B. Bewegung) in ihrem jeweiligen Setting unmittelbar und alltagsnah erleben. Dazu würden sich umfassende Diabetesinitiativen für Menschen mit türkischem (und anderem) Migrationshintergrund als geeignete Maßnahme anbieten. Derartige Initiativen fördern zudem den Vernetzungsprozess zwischen den relevanten Akteuren der sozialen und gesundheitlichen Versorgung, den Migrantenselbstorganisationen und der Selbsthilfe.

 

Projektförderung und Kooperation
Das Projekt wird von 02/08 bis 09/11 im Rahmen der versorgungsnahen Forschung im Bereich „Chronische Krankheiten und Patientenorientierung" durch das BMBF gefördert. Kooperationspartner sind neben den beteiligten Arztpraxen die AG Diabetes und Migranten der Deutschen Diabetes Gesellschaft, der Deutsche Diabetiker Bund Hamburg e.V., der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V., die Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und die AG Gesundheitssystemanalyse am Helmholtz Zentrum München.




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