Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von Krankheitsverlauf, Versorgungskonzept, sozioökonomischem Status und Integration
Im Rahmen des oben genannten Projekts wird die Befähigung türkischstämmiger Typ-2-Diabetiker untersucht, mit ihrer Erkrankung selbstregulativ und gesundheitsbewusst umzugehen (Gesundheitskompetenz).
Ziel ist die Identifizierung von Ansatzpunkten präventiver und sekundärpräventiver Maßnahmen bei türkischstämmigen Diabetikern unter Berücksichtigung ihrer sozioökonomischen Lage, ihrer Bildung und des Grades ihrer Integration bzw. Akkulturation/Assimilation.
Die Studie geht der Frage nach, wie ausgeprägt die Gesundheitskompetenz bei dieser Bevölkerungsgruppe überhaupt ist, und welcher Variation diese unterliegt; - darüber hinaus wird untersucht, in welchem Zusammenhang die Gesundheitskompetenz mit sozioökonomischen Variablen, Bildung, persönlichen Einstellungen und Verhalten sowie sozialem Rückhalt und Integration steht. Vor diesem Hintergrund wird der Erfolg von Maßnahmen zur Stabilisierung oder Verbesserung der Gesundheit umso bedeutsamer, wenn diese in der Lage sind, eine sozial- und bildungsbedingte Chancenungleichheit zu kompensieren. Eine zentrale Fragestellung ist demzufolge, wie erfolgreich Beratungs- und Schulungsmaßnahmen im Allgemeinen und die Mitwirkung in einem Disease Management Programm (DMP) im Besonderen sind.
Das Projekt ist als eine explorative quantitativ-empirische Verlaufstudie mit zwei Erhebungszeitpunkten angelegt. In Kooperation mit 15 Arztpraxen in Hamburg wurden in der ersten Querschnittserhebung im Zeitraum Juli 2008 bis Juli 2009 294 türkischstämmige Diabetiker von türkischsprachigen Interviewerinnen persönlich befragt (t0). Das 12-Monats-follow-up wurde im Dezember 2010 abgeschlossen (t1). Daran beteiligten sich 204 der ursprünglich befragten Personen. Darüber hinaus wurden über die behandelnden Ärzte klinische Daten erhoben (analog DMP-Dokumentationsbogen). Diese Daten liegen für 244 (t0) bzw. 235 (t1) Befragte vor.
Die Rekrutierung der Patienten erfolgte bei 130 Patienten konsekutiv über die Arztpraxen. Pro Arztpraxis wurden maximal 30 Patienten rekrutiert, um ein Over-Sampling einzelner Praxen zu vermeiden. Die behandelnden Ärzte haben die Aufklärung der Patienten übernommen, die Einverständniserklärung eingeholt und diese dem Forschungsteam im IMSG weitergeleitet, woraufhin die jeweiligen Interviewerinnen beauftragt wurden. In einem zweiten Rekrutierungsstrang erfolgte die Rekrutierung über Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Öffentlichkeitsveranstaltungen in den Moscheen und Moscheevereinen sowie über die sozialen Netzwerke der Interviewerinnen (N = 164). Durch die zweigleisige Rekrutierung ließ sich eine Stichprobe gewinnen, die die in Hamburg lebende Gruppe türkischer Zuwanderer mit Diabetes 2 in ihren wesentlichen Strukturmerkmalen abdecken kann.
Die Befragten leben im Schnitt seit über 32 Jahren in Deutschland, dennoch sprechen 40% kein deutsch. 25% haben keine Schulbildung, 49% nur die Grundschule besucht, 21% können weder lesen noch schreiben (türkisch). Obwohl 59% eine Diabetesschulung absolvierten, konnten 46% die Erkrankung „Diabetes“ nicht erklären. Multivariate Analysen zeigen aber positive Effekte von Diabetes-Schulungen und Schulbildung auf das Diabetes-Wissen, während für Alter und Geschlecht keine Effekte nachgewiesen wurden. Die Versorgungslage der Patienten ist insgesamt als gut anzusehen. Über die Zeit (12 Monate) bleiben die erhobenen Parameter weitgehend stabil.
Geringe Bildung und niedriger SES sind die Haupterklärungsfaktoren für geringes Diabetes-Wissen und mangelnde Gesundheitskompetenz. Daher ist zu empfehlen, Bildungsniveau-adaptierte, schriftfreie Schulungseinheiten zu entwickeln. Brach liegende Selbsthilfepotentiale sollten gefördert werden, um die Nachhaltigkeit von Schulungen zu sichern.
Hintergrund
Unter den in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten gelten die Türkischstämmigen als eine Bevölkerungsgruppe mit besonders hohem Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Insbesondere die sogenannten Gastarbeiter profitieren wegen ihrer geringen Integration in das deutsche Gesellschaftssystem mutmaßlich nur eingeschränkt von gesundheitsfördernden und präventiven Angeboten, obgleich sie aufgrund ihrer sozialen Lage und Lebenssituation überdurchschnittlich hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt waren und sind.
Ziele
Das Projekt Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern untersucht die Befähigung türkischstämmiger Typ-2-Diabetiker, mit ihrer Erkrankung selbstregulativ und gesundheitsbewusst umzugehen (Gesundheitskompetenz). Ziel ist die Identifizierung von Ansatzpunkten präventiver und sekundärpräventiver Maßnahmen bei türkischstämmigen Diabe-tikern unter Berücksichtigung ihrer sozioökonomischen Lage, ihrer Bildung und des Grades ihrer Integration bzw. Akkulturation oder Assimilation.
Dabei wird untersucht, in welchem Zusammenhang die Gesundheitskompetenz mit sozioöko-nomischen Variablen, Bildung, persönlichen Einstellungen und Verhalten sowie sozialem Rückhalt und Integration steht. Vor diesem Hintergrund wird der Erfolg von Maßnahmen zur Stabilisierung oder Verbesserung der Gesundheit umso bedeutsamer, wenn diese in der Lage sind, eine sozial- und bildungsbedingte Chancenungleichheit zu kompensieren. Eine zentrale Fragestellung ist demzufolge, wie erfolgreich Beratungs- und Schulungsmaßnahmen im All-gemeinen und die Mitwirkung in einem Disease Management Programm (DMP) im Besonde-ren sind.
- Wie umfassend ist die Gesundheitskompetenz von in Deutschland (Hamburg) lebenden Diabetikern türkischer Abstammung und welcher Varianz unterliegt sie?
- Wie unterscheidet sich die Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von soziostrukturellen und soziokulturellen Faktoren, insbesondere Ge-schlecht, Bildung, dem Grad der Integration und Akkulturation sowie sozioökonomischem Status?
- Wie unterscheidet sich die Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von DMP-Einschreibung und Nicht-Einschreibung?
- Wie unterscheidet sich die Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von durchlaufenen Diabetes-Interventionen wie Schulungen, Beratungen oder von Selbsthilfeaktivitäten?
- Welchen Einfluss hat die Gesundheitskompetenz auf Gesundheitsstatus, Lebensqualität und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens?
Die Ergebnisse sollen mittel- und langfristig Menschen mit Migrationshintergrund helfen, besser an gesundheitlichen und präventiven Leistungen zu partizipieren. Gesundheitliche Dienstleister und Berater sollen ihre Leistungen besser auf die Bedarfe von Diabetikern mit Migrationshintergrund abstimmen können. Darüber hinaus sollen die gewonnenen methodischen Erkenntnisse zur Weiterentwicklung ethnospezifischer Forschungsansätze beitragen.
Methoden
Das Projekt ist angelegt als eine explorative quantitativ-empirische Untersuchung mit qualitativen Erhebungsanteilen. In Kooperation mit 15-20 Arztpraxen werden 400 türkischstämmige Diabetiker zweimal in einem Abstand von 12 Monaten von türkischsprachigen Interviewern befragt (200 Männer und 200 Frauen jeweils zu 50 % im DMP eingeschrieben). Die Erfahrungen und Sichtweisen der Ärzte, Diabetesberater, Krankenkassenmitarbeiter und anderer relevanter Akteure werden in ca. 40 qualitativen Fokus-Interviews erhoben. Die fachliche Begleitung erfolgt durch einen multidisziplinären Beirat aus Praktikern und Wissenschaftlern.
Erste Ergebnisse wurden bereits vorgestellt auf dem DGMP/DGMS-Kongress am 24.-27.09.2008 in Jena, auf der Fachtagung "Interkulturelle Medizin - am 24.-25.März 2009 in Marburg" sowie auf der 44. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft am 21.-23. Mai 2009 in Leipzig.
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