Entwicklung und Evaluation eines Fortbildungsprogramms zur Partizipativen Entscheidungsfindung in der medizinischen Rehabilitation - PEFiT
Chronisch Kranke fordern in der Rehabilitation immer häufiger, am Entscheidungsprozess bezüglich ihrer Behandlung beteiligt zu werden. Inhalt dieser Studie ist es ein Trainingsprogramm zu Partizipativer Entscheidungsfindung zu entwickeln und wissenschaftlich zu überprüfen. Partizipative Entscheidungsfindung bedeutet, dass sich Patient und Behandler gemeinsam für eine Behandlung entscheiden. Beide tragen daher auch für diese Entscheidung die Verantwortung.
Ein zweiter Schwerpunkt des Trainings ist die partizipative Entscheidungsfindung im Reha-Team. In einem Reha-Team arbeiten unterschiedliche Berufsgruppen (Ärzte, Pfleger, Psychologen, Physiotherapeuten etc.) zusammen. Im Idealfall soll ihr unterschiedliches Fachwissen in die Behandlungsplanung einfließen. Nachdem das Team sich gemeinsam auf verschiedene Behandlungsmöglichkeiten geeinigt hat, werden diese mit dem Patienten besprochen.
Das Trainingsprogramm richtet sich an die Führungskräfte verschiedener Berufsgruppen im Reha-Team. Die Führungskräfte sollen in Partizipativer Entscheidungsfindung zwischen Patient und Behandler und innerhalb des Reha-Teams geschult werden. Innerhalb dieser Studie soll wissenschaftlich überprüft werden, ob ein Training zu Partizipativer Entscheidungsfindung positive Wirkungen auf z.B. die Zufriedenheit sowohl bei den Patienten als auch bei den Behandlern hat. Die Studie richtet sich an Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Krankheiten (z.B. Rückenschmerzen, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen).
Projektleiterin: Dr. Mirjam Körner
Projektmitarbeiterinnen:
Dipl.-Psych. Anne-Kathrin Steger
Dipl.-Päd. Heike Ehrhardt
Hintergrund
Chronisch Kranke fordern immer häufiger, am Entscheidungsprozess bezüglich der Behandlung beteiligt zu werden. Positive Effekte der partizipativen Entscheidungsfindung sind für die Arzt-Patient-Interaktion im Akut- oder hausärztlichen Bereich empirisch mehrfach belegt. Studien im Bereich der medizinischen Rehabilitation fehlen derzeit noch weitgehend. Für die Implementierung der partizipativen Entscheidungsfindung in der medizinischen Rehabilitation sind jedoch einige Besonderheiten (z.B. Vielfalt der Entscheidungssituationen, Multiprofessionalität, Klinikkultur) zu berücksichtigen.
Ziele
Ziel der Studie ist die Entwicklung und Evaluation eines zweistufigen Trainingsprogramms zur partizipativen Entscheidungsfindung in der medizinischen Rehabilitation, welches sich sowohl auf die externe als auch interne Kommunikation bezieht. In einer ersten Stufe werden die Führungskräfte geschult, die wiederum in einer zweiten Stufe die Schulungsinhalte an ihre Mitarbeiter weitervermitteln. Es wird davon ausgegangen, dass durch dieses zweistufige Vorgehen eine partizipative Versorgungsgestaltung (Partizipationskultur) implementiert werden kann. Durch ein verändertes kommunikatives Verhalten der Behandler wird eine stärkere Partizipation bei der Entscheidungsfindung bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten realisierbar, was mitarbeiterbezogen eine verbesserte interne Kommunikation, eine stärkere Mitarbeiterbeteiligung und -zufriedenheit und patientenbezogen eine höhere Akzeptanz der Behandlung, bessere Therapieergebnisse und höhere Patientenzufriedenheit zur Folge hat.
Methoden
Das Schulungsprogramm wird in einer cluster-randomisierten kontrollierten Interventionsstudie mit drei Erhebungszeitpunkten evaluiert. Die Daten werden dabei primär bei den Patienten und sekundär bei den Mitarbeitern jeweils mittels Fragebogen erhoben. Daneben erfolgt in der Interventionsgruppe eine standardisierte Beobachtung (OPTION-Skala) der Behandler-Patient-Gespräche. Die Studie ist multizentrisch. Die Zuteilung der 18 für die Studie rekrutierten Kliniken zur Interventions- oder Kontrollgruppe wird nach den Indikationsbereichen parallelisiert. Die Patientenstichproben der Interventions- und Kontrollgruppe zu den drei Messzeitpunkten werden anhand der prozentualen Verteilungen von Krankheit, Alter und Geschlecht parallelisiert. Hauptzielgröße ist die Patienteneinschätzung der Partizipation an der Entscheidungsfindung. Die mitarbeiterbezogenen Daten werden zu zwei Messzeitpunkten analysiert. Hier sind das Ausmaß der internen Kommunikation und Partizipation der Patienten und Behandler bei der Entscheidungsfindung die Hauptzielgrößen. Daneben erfolgen Prozessevaluationen in den Kliniken, um den Transfer von den Multiplikatoren zu den Mitarbeitern sicherzustellen. Die Datenanalysen erfolgen sowohl explorativ als auch inferenzstatistisch. Weiterhin werden die postulierten Kausalitätsannahmen/Wirkpfade mittels Regressionsanalysen und Strukturgleichungsmodellen überprüft.
Ergebnisse
In vier Fokusgruppen wurden 36 Patienten interviewt. Die fünf am häufigsten genannten Bedürfnisse der Patienten waren: Zeit (f=29), Wertschätzung (f=28), Partizipation (f=21), Individualität (f=20) und Vertrauen (f=20). Der gewünschte Partizipationsgrad der Patienten lag mit M=6,78 (SD=2,26) höher als der momentan erlebte (M=4,84, SD=3,25). In der Befragung der Experten in den vier Kliniken (Rücklauf: n=34, 71%) sind die wichtigsten Schulungsthemen „Vertrauen zum Gesprächspartner aufzubauen“ (M=5,74, SD=0,51) und „Patienten als Individuum wahrzunehmen“ (M=5,74, SD= 0,51), „Gesprächen mit schwierigen Patienten“ (M=5,61, SD=0,67), „das Besprechen von Konflikten“ (M=5,53, SD=0,68) sowie die „Kommunikation und Kooperation im interdisziplinären Team“ (M=5,50, SD=0,63). Die größten Defizite gaben die Führungskräfte bei den Kompetenzen an, die sich auf die interne Partizipation (Partizipation im Team) bezogen, zum Beispiel bei den Schulungsthemen „Kritikgespräche führen“ (M=3,43, SD=1.18), „mit schwierigen Teammitglieder kommunizieren“ (M=3,38, SD=1,27) und „Konfliktgespräche moderieren“ (M=3,38, SD=1,18). Basierend auf diesen Ergebnissen und dem Trainingsprogramm von Bieber et al. (2007) wurde das interprofessionelle Trainingsprogramm „Fit für PEF“ für die Multiplikatoren (Führungskräfte in den Kliniken) entwickelt und in sechs Kliniken durchgeführt. Die Bewertung der Trainings durch die Multiplikatoren ist sehr positiv (z.B. Gesamturteil: M=5,1, SD=0.7). Die Evaluation erfolgt derzeit durch den Vergleich der Ergebnisse der Patienten- und Mitarbeiterbefragung vor und nach dem Training (nachdem die Multiplikatoren die internen Schulungen durchgeführt haben). Nach weiteren drei Monaten wird erneut eine Patientenbefragung durchgeführt. Vor dem Training konnte in 17 Rehabilitationskliniken unterschiedlicher Indikationsbereiche bei 662 Patienten (47% Rücklauf) eine Befragung durchgeführt werden. An der Mitarbeiterbefragung beteiligten sich 15 Kliniken und 275 Mitarbeiter (Rücklauf 42%). In die Datenauswertung konnten 580 Patienten und 272 Mitarbeiterfragebogen eingeschlossen werden. In der zweiten Erhebungsrunde nahmen an der Patientenbefragung noch 13 Kliniken mit 523 Patienten (Rücklauf: 39%) und bei der Mitarbeiterbefragung 12 Kliniken mit 189 Mitarbeitern (Rücklauf: 37%) teil. Die Patienten- und Mitarbeiterbefragungen der ersten Erhebungsrunde sind umfassend ausgewertet. Die externe Partizipation wird von den Behandlern (MU-PEF, M=65,8, SD=22,2) signifikant besser als von den Patienten (PEF-FB-9, M=58,3, SD=26,2) bewertet, wohingegen die interne Partizipation von Seiten der Patienten (Teamskala M=84,4, SD=15,5) deutlich besser eingestuft wird als von den Behandlern (M=66,5, SD=17,8). Die verschiedenen Berufsgruppen bewerten die Partizipation, die Klinik- und Führungskultur und andere erfasste Aspekte signifikant unterschiedlich. Zwischen den somatischen und psychosomatischen Kliniken zeigen sich in vielen Bereichen signifikant unterschiedliche Ausgangswerte, so dass eine getrennte Analyse der beiden Bereiche sinnvoll erscheint.Ausblick Die Daten des zweiten Erhebungszeitpunktes werden derzeit ausgewertet und die dritte Pati-entenbefragung in den Kliniken durchgeführt, so dass erste Evaluationsergebnisse demnächst vorliegen.
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