menschen_forschen
letzte Änderung: 26 Aug 2010
Entwicklung, psychometrische Testung und Implementierung eines an der ICF orientierten Instruments für die Erfassung von Aktivitäten und Partizipation bei Patienten mit psychischen Erkrankungen
Psychische Störungen sind nicht nur häufig auftretende, sondern auch stark beeinträchtigende Erkrankungen. Neben der Belastung durch die Symptome leiden die Betroffenen daran, Aufgaben des alltäglichen Lebens nur noch schwer bewältigen zu können. Um auch solche Probleme systematisch zu erfassen, wird in diesem Projekt ein Fragebogen entwickelt, der speziell Aktivitäten und Teilhabe am sozialen Leben dieser Betroffenen erfragt.

Die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), die 2001 von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlich wurde und Funktionsfähigkeit auf verschiedenen Ebenen klassifiziert, dient hierbei als Rahmenkonzept.

Im weiteren Projektverlauf soll außerdem geprüft werden, ob der Einsatz des Fragebogens und damit die spezifische Erhebung von Problemen in Aktivitäten und Teilhabe einen Einfluss auf den Therapieverlauf nehmen kann. In einer Nachbefragung soll geprüft werden, ob die stationäre Behandlung zu einer nachhaltigen Verbesserung von Aktivitäten und Teilhabe im Alltag der Betroffenen geführt hat.


 

Brütt, A. L., Schulz, H., Koch, U. und Andreas, S.

Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg

Hintergrund:
Rehabilitationsbehandlungen umfassen ein breites Angebot, in dem nicht nur psychische und körperliche Symptome reduziert, sondern auch die Teilhabe des Patienten in verschiedenen Lebensbereichen gefördert werden soll (Schulz & Koch, 2002). Mit der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" (ICF) (WHO, 2001) steht seit 2001 ein Konzept zur Verfügung, das das biomedizinische Krankheitsmodell um die Ebenen Aktivitäten und Teilhabe sowie Umwelt- und Personenfaktoren erweitert. Somit ist es möglich, nicht nur Körperfunktionen und -strukturen, sondern auch Beeinträchtigungen in der Lebenswirklichkeit von Patienten systematisch zu klassifizieren. Obwohl sich die ICF als konzeptionelles Bezugssystem für Rehabilitationsbehandlungen etabliert hat, ist die Umsetzung in die Praxis bisher wenig vorangeschritten. Für einige, vorwiegend körperliche Erkrankungen, wurden sogenannte Core Sets, die krankheitsspezifisch bedeutsame ICF-Kategorien abbilden, entwickelt (Cieza et al., 2004). Für psychische Erkrankungen fehlen aber immer noch praktikable, reliable und valide Selbsteinschätzungsinstrumente zur Erfassung von Aktivitäten und Partizipation.

Ziele:
Zunächst soll ein ICF-basiertes Instrument speziell zu Aktivitäten und Partizipation für Patienten mit psychischen Erkrankungen entwickelt, dann soll dieses an einer Stichprobe psychometrisch getestet und schließlich in der dritten Arbeitsphase als Instrument in die klinische Praxis integriert werden.

Methoden:
Die erste Arbeitsphase, die Entwicklung des Itempools, enthielt drei Arbeitsschritte: Im ersten Schritt wurde eine systematische Literatursuche in den Datenbanken „Medline" und „PsycINFO" zu den vier Hauptindikationsgruppen (Affektive Störungen, Angststörungen, Somatoforme Störungen und Anpassungs- und Belastungsstörungen) durchgeführt. Ausschlusskriterien sowie eine Zufallsaufwahl reduzierten die 4246 durch die Suchstrategie identifizierten Studien auf 426. Insgesamt wurden in diesen Studien n=126 Outcomeinstrumente eingesetzt, die inhaltlichen Bezug zur ICF Dimension „Aktivitäten und Partizipation" aufwiesen und deren Items dann mit den entsprechenden ICF Kategorien verknüpft wurden. 1562 verschiedene Verbindungen mit der ICF wurden gefunden. Im Anschluss daran wurden diagnosebezogene Fokusgruppen durchgeführt, in denen über Beeinträchtigungen der Aktivitäten und Teilhabe diskutiert wurde. Im Rahmen der Fokusgruppen bewerteten die Patienten (N = 21) auch die Ergebnisse der Literaturanalyse. Die Aussagen der Teilnehmer wurden den dazugehörigen Kategorien der ICF zugeordnet. Es konnten 310 Verknüpfungen hergestellt werden. Anschließend wurden die Ergebnisse der Literaturanalyse und der Fokusgruppen mit Experten im Rahmen eines Expertenworkshops kritisch diskutiert.Daraus folgend wurde ein Core Set entwickelt und Fragen formuliert, die in einem weiteren Arbeitsschritt mittels „Cognitive Debriefing" mit Patienten auf ihre Verständlichkeit und Angemessenheit hin überprüft wurden. Daraus entstand ein Fragebogen mit 52 Items, der inhaltlich Schwerpunkte auf die Bereiche „interpersonelle Interaktionen und Beziehungen" sowie „Mobilität" und „Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben" legt.

Aktueller Stand
Zurzeit wird der aufwändig entwickelte Fragebogen in den kooperierenden Kliniken an einer Stichprobe von N=2000 Patienten eingesetzt und anschließend psychometrisch geprüft (zweite Projektphase). Vorgesehen sind Erhebungszeitpunkte am Anfang und am Ende sowie 6 Monate nach Beendigung der Behandlung. Um die Validität des Instruments lebensweltnah zu überprüfen, sollen bei einer Teilspichprobe (n=200) soziale Desintegrationskennwerte im häuslichen Umfeld erfasst werden.
In der dritten Projektphase wird das Instrument in den Kliniken zur Festlegung von Therapiezielen im Bereich Aktivitäten und Partizipation genutzt und die Wirksamkeit im Laufe des Behandlungsprozesses überprüft.

Download Poster DKPM 2010

Korrespondenzadresse:

Projektleitung:
Dr. Sylke Andreas
sandreas@uke.uni-hamburg.de
PD. Dr. Holger Schulz
schulz@uke.uni-hamburg.de

Ansprechpartner:
Anna Levke Brütt
Zentrum für Psychosoziale Medizin
Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52, Haus W 26
20246 Hamburg

Tel. ++49(0)40/7410-57313
Fax ++49(0)40/7410-54940
Email: abruett@uke.uni-hamburg.de

Kooperierende Kliniken

Dr. Kurt Langner
Curtius Klinik GmbH & Co. KG
Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin
Neue Kampstraße 2
23714 Bad Malente
http://www.curtius-klinik.de/index.html 

Dr. Jens Schneider
KH Kurklinik Hochsauerland GmbH
Fachklinik Hochsauerland
Zu den drei Buchen 2
57392 Schmallenberg
http://www.akg-kliniken.de

Dr. Heike Schulze
Klinik am Homberg
Herzog-Georg-Weg 2
34537 Bad Wildungen
http://www.klinik-am-homberg.de/

Dr. Manfred Schäfer
Hardtwaldklinik II - Bad Zwesten
Hardtstr. 32
34596 Bad Zwesten
http://www.hardtwaldklinik2.de/

Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff
Wicker-Klinik
Fürst-Friedrich.Straße 2-4
34537 Bad Wildungen
http://www.wicker-klinik.de/

Dr. Jürgen Schlosser
Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie
Hardtwaldklinik I - Bad Zwesten
Hardtstraße 31
34596 Bad Zwesten
http://www.hardtwaldklinik1.de/Psychiatrie_und_Psychotherapie.html

Prof. Dr. Christoph Schmeling-Kludas
Krankenhaus Ginsterhof
Metzendorfer Weg 21
21224 Rosengarten
http://www.ginsterhof.de/

PD Dr. Sebastian Hartmann
HELIOS Klinik Schwedenstein
Obersteinaer Weg
01896 Pulsnitz
http://www.helios-kliniken.de/klinik/pulsnitz-klinik-schwedenstein.html

Dr. Matthias Schoof
Schussental Klinik gGmbH
Parkstraße 1
88326 Aulendorf
http://www.schussental-klinik.de/

Literatur

  • Cieza, A., Ewert, T., Ustun, T. B., Chatterji, S., Kostanjsek, N. & Stucki, G. (2004). Development of ICF Core Sets for patients with chronic conditions. Journal of Rehabilitation Medicine(44), 9-11.
  • Schulz, H. & Koch, U. (2002). Zur stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Versorgung in Norddeutschland- Expertise zu Fragen des Bedarfs und zur Versorgungsstruktur. Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie (52), T1-T26.
  • WHO. (2001). ICF: International Classification of Functioning, Disability and Health. Geneva: World Health Organization.
  • Brütt AL, Schulz H, Koch U, Braukhaus C, Schmeling-Kludas C, Andreas S. Entwicklung eines an der ICF orientierten Instrumentes für die Erfassung von Aktivitäten und Partizipation bei Patienten mit psychischen Erkrankungen. Poster auf der 60. Arbeitstagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM); Mainz; 18.-21. März 2009. -zum Poster-

  • Brütt AL, Schulz H, Koch U, Braukhaus C, Schmeling-Kludas C, Andreas S. Entwicklung eines an der ICF orientierten Instrumentes Poster auf dem 18. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium; Münster; 2009. zum Abstract-

  • Brütt AL, Schulz H, Koch U, Nutzinger D, Schmeling-Kludas C, Andreas S. Zur Entwicklung eines an der ICF orientierten Instrumentes für die Erfassung von Aktivitäten und Partizipation bei Patienten mit Angststörungen. Vortrag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde; Berlin; 2008.
  • Brütt AL, Schulz, H.; Koch, U.; Andreas, S. Development of an ICF-oriented instrument to assess activities and participation in patients with mental disorders. Poster auf dem 20th World Congress of Psychosomatic Medicine; Turin; 2009.
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