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Prof. Dr. E. Farin-Glattacker

Universitätsklinikum Freiburg

Institut für Qualitätsmanagement und Sozialmedizin

Engelbergerstr. 21

79106 Freiburg

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Kommunikationskompetenzen chronisch Kranker im Hinblick auf die Interaktion mit Behandlern (Projekt KoKoPa)

Laufzeit Juli 2011 – August 2014

 

Gegenstand des Projekts waren Kommunikationskompetenzen chronisch Kranker in Patienten-Behandler-Gesprächen. In die Studie wurden Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, chronisch-ischämischer Herzkrankheit oder Brustkrebs einbezogen. Die zentralen Ziel­setzungen des Projekts waren die Erlangung eines besseren Verständnisses von patientenseitigen Kommunikationskompetenzen und die darauf aufbauende Entwicklung einer Patientenschulung zur Förderung von Kommunikationskompetenzen.

 

 

Hintergrund und Ziele

Zahlreiche Studien belegen, dass eine funktionierende Patient-Behandler-Kommunikation mit Adhärenz, einer besseren Bewertung der Patient-Behandler-Beziehung sowie besseren medizinisch-therapeutischen Outcomes verbunden ist. Obwohl die Patient-Behandler-Beziehung eine Dyade ist, in der beide Seiten Verantwortung für das Gelingen der Verständigung tragen, gibt es vergleichsweise wenige Studien zu Kommunikationskompetenzen von Patienten und Ansätze zur Förderung dieser Kommunikationskompetenzen. Allerdings wurden in der letzten Zeit international verstärkt patientenseitige Kommunikationstrainings konzipiert und evaluiert. Die Befundlage zeigt, dass viele Interventionen, auch wenn sie relativ einfach gehalten sind, Effekte aufweisen und dass manche Interventionen wirksam sind ohne die Dauer der Patient-Behandler-Gespräche zu verlängern. Für den deutschsprachigen Raum war uns allerdings keine publizierte Intervention zur Förderung der patientenseitigen Kommunikationskompetenz in der Patient-Behandler-Interaktion bekannt.

 

Die Zielsetzungen unseres Projekts lassen sich daher zu folgenden inhaltlichen Themen gliedern:

 

Methode und Ergebnisse

Zur Untersuchung der oben genannten Fragestellungen wurden drei qualitative Teilstudien (Qualitative Studien 1, 2 und 3), zwei quantitative Teilstudien (Quantitative Studien 1 und 2) und ein Pilotdurchlauf der Schulung durchgeführt. An dem Projekt nahmen in den unterschiedlichen Teilstudien insgesamt 32 Rehabilitationseinrichtungen teil (http://www.uniklinik-freiburg.de/aqms/projekte/versorgungsforschung/kokopa.html).

 

In der qualitativen Studie 1 wurden Fokusgruppen durchgeführt, um die Patienten und Behandler an der Festlegung der Inhalte der Schulung und des zu entwickelnden Messinstruments zu beteiligen. Im Mittelpunkt der Fokusgruppen stand die Frage, wie sich Patienten in Arztgesprächen verhalten sollen, damit das Gespräch für den Patienten wirksam und nützlich ist. Die Analyse von neun leitfadengestützten Fokusgruppen mit Patienten zeigte, dass die Teilnehmer folgende eigene Kommunikationsfertigkeiten als kompetent im Arztgespräch ansahen: 1. Mit Meinungsverschiedenheiten umgehen, 2. eigene Meinungen und Wahrnehmungen, 3. aktiver und partizipierender Patient sein, 4. über Privates kommunizieren, 5. dem Behandler Rückmeldungen geben, 6. sich vorbereiten, 7. Anforde­rungen stellen, 8. Emotionen wahrnehmen und mitteilen, 9. Fragen stellen, 10. sich an der Gesprächsführung beteiligen, 11. Fakteninformation geben und 12. allgemeiner Kommunikationsstil des Patienten. Bei einer vergleichenden Betrachtung der Antworten der drei beteiligten Patientengruppen (Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, chronisch-ischämischer Herzkrankheit und Brustkrebs) zeigte sich für alle drei Gruppen, dass „Allgemeiner Kommunikationsstil“, „Fragen stellen“ und „Aktiver und partizipierender Patient sein“ unter den häufigsten Antwortbereichen sind. Dennoch konnten auch einige Unterschiede in den genannten Kommunikationskompetenzen aufgezeigt werden. Beispielsweise nannten die Brustkrebspatientinnen häufiger als die beiden anderen Gruppen Kommunikationskompetenzen aus dem Bereich „Emotionen wahrnehmen und mitteilen“.

 

In der qualitativen Studie 2 wurden in sechs der beteiligten Rehabilitationseinrichtungen insgesamt 51 Aufnahmegespräche von Patienten und Ärzten mit Audio-Aufnahme erfasst (27 Patienten mit chronischem Rückenschmerz, 21 Patienten mit chronisch-ischämischer Herzkrankheit und drei Patientinnen mit Brustkrebs), um zu bestimmten welche Wirkungen das Patientenverhalten auf den Arzt hat. Die Kodierung der Aufnahmegespräche erfolgte mit Hilfe eines adaptierten RIAS-Kodiersystems, wobei die RIAS-Codes unter Nutzung der von uns in der qualitativen Studie 1 gefunden Patienten-Kompetenz-Kategorien ausdifferenziert wurden. Um sequentielle Zusammenhänge zwischen den kodierten Verhaltensweisen zu untersuchen wurden Lag-Analysen durchgeführt. Die Auswertung erfolgte getrennt für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen und Patienten mit chronisch-ischämischer Herzkrankheit. Die Analyse von Meinungsäußerungen (Meinung, Zustimmung, Widerspruch) von Patienten zeigte, dass Patienten sich in der Häufigkeit der Meinungsäußerung stark unterschieden. Auffallend ist, dass Patienten selten widersprachen und Meinungsäußerungen besonders in der Stichprobe mit chronischen Rückenschmerz­patienten häufig durch eine Frage des Behandlers nach der Meinung des Patienten ausgelöst wurden. Obwohl Behandler Meinungsäußerungen von Patienten normalerweise zur Kenntnis nahmen, reagierten sie in den meisten Fällen nicht mit Zustimmung oder Widerspruch. Dies hat zur Folge, dass die Äußerung von Meinung in diesen Fällen nicht zu einer Diskussion führte und keine gemeinsame Entscheidungsfindung stattfand. 

 

Die Ergebnisse der qualitativen Studien 1 und 2 dienten auch der Generierung von Inhalten für einen Patienten-Fragebogen zur Erfassung von Kommunikationskompetenzen von Patienten in Arztgesprächen („KoKo-Fragebogen“). In der qualitativen Studie 3 wurde N=10 Patienten ein Entwurf des KoKo-Fragebogens im Rahmen eines kognitiven Pretests im Einzelinterview vorgelegt.

 

In der quantitativen Studie 1 wurde der KOKO-Fragebogen für die psychometrische Testung N=1.264 Patienten mit chronisch-ischämischer Herzkrankheit, Brustkrebs oder chronischen Rückenschmerzen vorgelegt. Der Messzeitpunkt war das Ende der Rehabilitationsmaßnahme. Der Fragebogen zeigt gute Verteilungseigenschaften. Alle drei Skalen sind eindimensional, reliabel (Cronbachs Alpha schwankt zwischen 0. 80 und 0. 87), zeigen nur geringe lokale Abhängigkeit und genügen den Anforderungen des Rasch-Modells. Keines der Items zeigte DIF. Im Downloadbereich steht ein Formular zur Verfügung, mit dem man das Instrument kostenfrei anfordern kann.

 

In der quantitativen Studie 2 schließlich wurden eine patientenseitige und eine behandlerseitige Erhebung durchgeführt, um die Wirksamkeit kompetenten Patientenverhaltens und damit den Nutzen entsprechender Schulungen zu analysieren. Die patientenseitige Erhebung umfasste eine längsschnittliche Datenerhebung mit drei Messzeitpunkten (Reha-Beginn, Reha-Ende, 6 Monate nach der Rehabilitation). In die quantitative Studie 2 wurden Nt0=261 Patienten mit chronisch-ischämischer Herzkrankheit, Nt0=499 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen und Nt0=328 Patienten mit Brustkrebs einbezogen.

Aufbauend auf Ergebnissen dieses Projekts und auf Modul 3 „Die Kommunikation mit Behandlern“ der Patientenschulung „Aktiv in der Reha“ (vgl. das Projekt „Entwicklung und Evaluation einer Patientenschulung zur Förderung der Gesundheitskompetenz von chronisch Kranken“, das auch im Förderschwerpunkt „Chronische Krankheiten und Patientenorientierung“ gefördert wurde) sowie Ergebnissen einer Literaturrecherche, wurde eine Patientenschulung für Kommunikationskompetenzen in Arztgesprächen (die so genannte KOKOS-Schulung entwickelt und manualisiert. Die Patientenschulung besteht aus zwei Modulen, die je 2 1/2 Stunden dauern.

 

Die Schulung behandelt die Themen

 

Für die Schulung wurden verschiedene Materialien entwickelt, z. B. ein Teilnehmerheft, ein Poster und PowerPoint-Folien. Die Schulung wurde in einer Pilotstudie mit fünf Selbsthilfegruppen getestet. Die Teilnehmer haben die Schulung in allen Bewertungskriterien als „gut“ (Modul 1) bzw. „sehr gut“ bis „gut“ (Modul 2) bewertet. Ein Flyer mit weiteren Informationen zur KOKOS-Schulung steht im Downloadbereich. Außerdem steht im Downloadbereich ein Formular zur Verfügung, mit dem man das Manual und die Materialien kostenfrei als pdf anfordern kann.

 

Das Projekt KoKoPa wurde für die Umsetzungsbegleitung durch prognos ausgewählt. Im Mittelpunkt der Umsetzungsbegleitung stand die weitere Verbreitung von KOKOS. Dazu sollten vor allem Finanzierungsmöglichkeiten für die Umsetzung von KOKOS in Selbsthilfegruppen gefunden werden. 

 

Um auch in wissenschaftlicher Hinsicht das KoKoPa-Projekt fortzusetzen, wurde im August 2014 bei der Deutschen Rheuma-Liga ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Entwicklung und Evaluation einer Schulung für rheumakranke Menschen zur Vermittlung kommunikativer Kompetenzen in teilhaberelevanten Situationen“ beantragt. Im Oktober 2014 haben wir die Zusage für die Förderung dieses insgesamt auf 30 Monate angelegten Projekts erhalten.

(https://www.uniklinik-freiburg.de/aqms/projekte/versorgungsforschung/kokosrheuma.html)

 

Publikationen

 

Tagungs-/ Kongressbeiträge

 




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