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Prof. Joachim Weis 

Universitätsklinikum Freiburg

Klinik für Tumorbiologie

Breisacher Str. 117

79106 Freiburg

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Patientenkompetenz und krankheitsbezogene Sorgen (Progredienzangst) von Tumorpatienten im Verlauf onkologischer Rehabilitation. Ein Beitrag zur Konstruktvalidierung.

Prof. Dr. Joachim Weis, Dr. Jürgen M. Giesler, Dipl.-Psych. Tina Zeiss, Klinik für Tumorbiologie Freiburg, Psychosoziale Abteilung und Institut für Reha-Forschung und Prävention

 

Das Projekt untersucht Patientenkompetenz bei Patienten der onkologischen Rehabilitation im Hinblick auf ihre mögliche Veränderung und ihre Zusammenhänge mit ausgewählten Merkmalen der subjektiven Befindlichkeit (Progredienzangst, Depression, Lebensqualität) sowie der Krankheitsverarbeitung unter Berücksichtigung der Tumorlokalisation und der (kurativen vs. palliativen) Behandlungssituation. Darüber hinaus werden Einflüsse des Geschlechts und der sozialen Schicht geprüft. Ziel ist die umfassende Validierung eines von den Antragstellern entwickelten Messinstruments zur Erfassung der Patientenkompetenz im onkologischen Kontext. Zu diesem Zweck werden insgesamt 512 Patient(inn)en mit Mamma-, Kolon-/Rektum- oder Prostata-Karzinom im Rahmen eines nicht-randomisierten Vergleichsgruppendesigns zu Beginn und Ende ihrer onkologischen Rehabilitation sowie neun Monate später befragt. Erwartet wird unter anderem, dass sich die Skalenstruktur des Verfahrens replizieren lässt und dass sich im Zuge der Rehabilitation positive Veränderungen einzelner Patientenkompetenzen und eine Verringerung der Progredienzangst ergeben. Die Ergebnisse der Auswertungen werden ergänzend im Rahmen eines Workshops von Patientenvertretern, Medizinern und Psychologen gemeinsam diskutiert und im Hinblick auf ihre Bedeutung für das Konzept der Patientenkompetenz und deren Förderung analysiert.

 

Fragestellung:

Das Konzept der Patientenkompetenz hat im Kontext der zunehmend stärker gewünschten Beteiligung von Patienten an Entscheidungen bei der Behandlung von Krebserkrankungen an Bedeutung gewonnen. Reliable und valide Verfahren zur Erfassung von Patientenkompetenz liegen jedoch bestenfalls in Ansätzen vor, so dass weiterreichende Hypothesen über mögliche Entstehungsbedingungen und Auswirkungen der Patientenkompetenz kaum eingehend empirisch überprüft werden können. Vor diesem Hintergrund verfolgte das vorliegende Projekt die folgenden Fragestellungen:

  1. Lässt sich die Struktur des von Giesler und Weis (2008) entwickelten Verfahrens zur Erfassung der Patientenkompetenz für ausgewählte Gruppen von Tumorpatienten im Kontext der onkologischen Rehabilitation replizieren?
  2. Inwieweit bestehen Zusammenhänge zwischen Patientenkompetenz einerseits und Merkmalen der subjektiven Befindlichkeit wie Progredienzangst und Lebensqualität sowie Formen der Krankheitsverarbeitung andererseits?
  3. Unterscheiden sich Patienten in ihren Selbsteinschätzungen hinsichtlich verschiedener Komponenten der Patientenkompetenz in Abhängigkeit von der Tumorlokalisation (Brust, Kolon/Rektum, Prostata) und der (kurativen vs. palliativen) Behandlungssituation?
  4. Verändern sich die Selbsteinschätzungen der Patientenkompetenz und das Ausmaß der Progredienzangst im Verlauf der Rehabilitation und den darauf folgenden 9 Monaten?

Um diese Fragen zu beantworten, wurden 377 Patientinnen und Patienten mit Brust-, Kolon-Rektum- oder Prostatat-Karzinom multizentrisch zu drei Zeitpunkten im Rahmen einer stationären onkologischen Rehabilitationsmaßnahme (Beginn, Ende und 9 Monate nach Rehabilitation) schriftlich befragt. Zudem wurden 47 Patientinnen und Patienten mit Brust- oder Kolon/Rektum-Karzinom aus drei onkologischen Schwerpunktpraxen in die Erhebung eingeschlossen, die in vergleichbaren zeitlichen Abständen ebenfalls dreimal schriftlich befragt wurden.

 

Ergebnis:

Fragestellung 1: Explorative Faktorenanalysen können die von Giesler & Weis (2008) ermittelten Dimensionen der Patientenkompetenz teilweise bestätigen. So lassen sich 5 der 8 ursprünglich ermittelten Kompetenzdimensionen relativ eindeutig identifizieren: Suchen nach Information zu Erkrankung und Behandlung, Selbstregulation und Achtsamkeit, Selbstbewusster Umgang mit Ärzten, Interesse an (Information zu) sozialrechtlichen Fragen und Bewältigung emotionaler Belastungen. Die hieraus abgeleiteten Kompetenzskalen weisen eine zufriedenstellende innere Konsistenz auf.

Fragestellung 2: Multiple Korrelationsanalysen zeigen, dass zwischen Merkmalen der Patientenkompetenz auf der einen und Progredienzangst sowie verschiedenen Aspekten der Lebensquailtät auf der anderen Seite signifikante Zusammenhänge bestehen. Dabei sind vor allem emotionsbezogene Kompetenzen wie Bewältigung emotionaler Belastungen mit einer geringeren Progredienzangst und einer besseren Lebensqualität z.B. im Sinne der emotionalen Funktionsfähigkeit assoziiert. Dies spricht für die Validität der betreffenden Skala und stützt zugleich die Annahme einer befindlichkeitsregulativen Wirkung emotionsbezogener Kompetenzen.

Fragestellung 3: Zwischen den drei untersuchten Diagnosegruppen zeigen sich kaum signifikante und wenn, dann im Sinne von Effektstärken (h2) eher schwache Unterschiede in Bezug auf das Ausmaß der selbsteingeschätzten Patientenkompetenzen. Das Vorliegen einer palliativen Behandlungssituation zeigt ebenfalls nur wenige signifikante und wiederum eher schwache Effekte in Bezug auf Merkmale der Patientenkompetenz: Patienten in palliativer Behandlung schreiben sich im Vergleich mit kurativ behandelten Patienten in höherem Maß Suche nach Information, Bemühen um Autonomie und Auseinandersetzung mit der Bedrohlichkeit der Erkrankung zu.

Fragestellung 4: Es finden sich nur wenige Hinweise auf Veränderungen von Patientenkompetenzen im Verlauf der onkologischen Rehabilitation. Lediglich im Hinblick auf Selbst-Regulation und Achtsamkeit sowie die Bewältigung emotionaler Belastungen ergeben sich im Laufe der Rehabilitation zunächst geringfügige, aber signifikante Verbesserungen, auf die 9 Monate nach Rehabilitation jedoch ein Rückgang erfolgt. Auch für das mittlere Ausmaß der Progredienzangst ließ sich im Verlauf der onkologischen Rehabilitation und den darauf folgenden neun Monaten keine signifikante Veränderung feststellen.

 

Resümee: In ihrer Gesamtheit lassen sich der vorliegenden Studie differenzierte Hinweise für die Weiterentwicklung des hier analysierten Verfahrens zur Erfassung der Patientenkompetenz im Kontext onkologischer Erkrankungen entnehmen. Inhaltlich gesehen dürften die 5 hier relativ eindeutig identifizierten (von ursprünglich 8 ermittelten) Dimensionen der Patientenkompetenz gut unterscheidbare Aspekte der Patientenkompetenz darstellen, die problemlos hinreichend reliabel und valide erfasst werden können. Zugleich zeigt sich unter dem Aspekt der Änderungssensitivität aber ein deutlicherer Optimierungsbedarf in Bezug auf das geprüfte Verfahren. In Folgestudien wäre hierbei unter anderem zu prüfen, ob die Verwendung einer veränderten Antwortskalierung, wie sie z.B. im Falle von Selbstwirksamkeitsskalen üblich ist, oder ein Verzicht auf die Vorgabe von Zeitfenstern zur Fokussierung der Beantwortung von Items zu einer höheren Änderungssensitivität führen.

 

Bedeutung für die Praxis:

Die grundsätzliche Bedeutung der Entwicklung eines reliablen, validen und änderungssensitiven Verfahrens zur Erfassung der Patientenkompetenzen im onkologischen Kontext liegt darin, dass damit die Überprüfung von Hypothesen möglich wird, die die Entwicklung von Patientenkompetenz und ihre möglichen Auswirkungen auf Lebensqualität, subjektive Befindlichkeit und ggf. auch Parameter des Krankheitsverlaufs betreffen. Zum trägt die Verfügbarkeit eines solchen Verfahrens dazu bei, Effekte von Interventionen abzubilden, die eine Förderung der Patientenkompetenz beabsichtigen. Die vorgelegten Ergebnisse vermitteln Anregungen, wie das hier überprüfte Verfahren zur Erfassung der Patientenkompetenz in Richtung auf diese Zielsetzungen weiterentwickelt werden kann.

 




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