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Kontaktdaten

Claudia Mews

Tel. 040 – 7410 56854

Fax 040 – 7410 53681

Zentrum für Psychosoziale Medizin

Institut für Allgemeinmedizin

Gebäude W37

Martinistr. 52

20246 Hamburg

 

Projektleitung:

Prof. Dr. Martin Scherer

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Entwicklung und Evaluation einer Schulung zur Förderung der Selbstmanagementkompetenz von illiteraten türkischstämmigen Patienten mit Diabetes mellitus (SITD)

Hintergrund
In Deutschland liegt die Prävalenz des Diabetes mellitus Typ 2 (DM2) bei ca. 7%. Es existieren wenige Untersuchungen zur DM2-Prävalenz bei Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund, eine Studie zur Prävalenz bei Türkeistämmigen zeigt eine mindestens doppelt so hohe Prävalenz im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung an (Laube et. al. 2001).

Ein wesentlicher Bestandteil in der Diabetestherapie sind die Diabetesschulungen. Die Zahl der funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten zwischen 18 und 64 Jahren wird in Deutschland auf etwa 7,5 Millionen Menschen geschätzt. 3,1 Millionen dieser Menschen haben eine andere Erstsprache als Deutsch erlernt. Ihre schriftsprachlichen Kompetenzen in Bezug auf die deutsche Schriftsprache sind zum Verständnis der vorliegenden Diabetesschulungsprogramme oft nicht ausreichend. Aus Voruntersuchungen ist bekannt, dass auch in der Gruppe der türkeistämmigen Patientinnen und Patienten mit DM2 ein großer Anteil nur geringe schriftsprachliche Kompetenzen besitzt (Kofahl et. al. 2013).

 

Ziele
Ziel des Projektes ist es, die adäquate, leitlinienorientierte und evidenzbasierte Versorgung der heterogenen Gruppe von Menschen mit DM2 und geringen schriftsprachlichen Kompetenzen unter Berücksichtigung ihrer soziokulturellen Besonderheiten und ihrer individuellen Erfahrungen zu verbessern. Dies soll erreicht werden durch die Entwicklung, Erprobung und Evaluierung von an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientierten,  kultursensiblen und einsatzbereiten Schulungsmaterialien, die Schulenden zur Verfügung gestellt werden können. Die Schulungsmaterialien sollen einen Fokus auf die Verwendung nicht schriftlicher Materialien legen und die speziellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten mit (türkeistämmigem) Migrationshintergrund berücksichtigen. Den Patientinnen und Patienten sollen die wesentlichen Aspekte im Umgang mit ihrer Erkrankung anschaulich vermittelt werden, um eine Steigerung der Selbstmanagementkompetenz und eine höhere Motivation zu einem adäquaten Lebensstil zu bewirken.

 

Methoden

Nach einer Literaturrecherche fanden umfangreiche Befragungen von in der Schulung der Zielgruppe erfahrenen Expertinnen und Experten sowie von Mitarbeitenden verschiedener Institutionen des Gesundheitssystems statt. Mit schon geschulten Patientinnen und Patienten mit türkeistämmigem Migrationshintergrund und geringen schriftsprachlichen Kompetenzen wurden qualitative Interviews durchgeführt. Knapp 800 diabetologische Schwerpunktpraxen wurden in einer Online-Befragung nach ihren Erfahrungen in der Schulung von Menschen mit geringen schriftsprachlichen Kompetenzen und Menschen mit Migrationshintergrund sowie den Rahmenbedingungen von Schulungen in ihren Praxen befragt.

Es zeigte sich, dass die ursprünglich geplante Entwicklung einer vollständigen neuen Schulung für die Zielgruppe weder im Projektrahmen realisierbar noch laut Expertenmeinung tatsächlich notwendig war. Daher wurde der Fokus auf die Entwicklung von geeigneten Schulungsmaterialien gelegt. Es wird jetzt mit Unterstützung einer Agentur eine Website entwickelt, die den Schulenden schon vorhandene und neu entwickelte Materialien sowie Grundwissen zu verschiedenen Bereichen für ihre Arbeit mit den Patientinnen und Patienten der Zielgruppe zur Verfügung stellt. Dabei werden die Materialien einzelnen Modulen zugeordnet, ähnlich wie es bei strukturierten Schulungsprogrammen üblich ist.

Auf einem Expertenworkshop im November 2013 wurde die Grundstruktur der Website vorgestellt, die inhaltliche und didaktische Gestaltung der Module, Materialien und Informationen wurde diskutiert. Nach Überarbeitung der Website wurden die ersten Schulungs- und die Evaluationsmaterialien erstellt.

Im Rahmen der Evaluationsphase fand zunächst eine Schulung der Schulenden aus den kooperierenden Praxen in Berlin, Hannover und Hamburg zum Einsatz der Schulungs-und Evaluationsmaterialien statt. In den Praxen werden jetzt ausgewählte Schulungsmaterialien in Schulungen von Patientinnen und Patienten der Zielgruppe eingesetzt. Die Schulungen werden in deutscher oder in türkischer Sprache durchgeführt. Es wird eine Stichprobengröße von N=70 türkeistämmigen Patientinnen und Patienten mit geringen schriftsprachlichen Kompetenzen angestrebt. Mit den Teilnehmenden wird vor und nach der Schulung eine telefonische Befragung in türkischer Sprache in Hinblick auf ihre Kenntnisse, ihre Vorerfahrungen und ihr Diabeteswissen durchgeführt. In der zweiten Befragung werden sie zusätzlich zu Akzeptanz und Verständlichkeit der Materialien befragt. Auch die Erfahrungen der Schulenden werden evaluiert. Die Auswertung der Ergebnisse der ersten Fokusgruppen mit den Schulenden zeigen eine große Akzeptanz und Zufriedenheit mit den zur Verfügung gestellten Materialien, die nach Aussagen der Teilnehmenden für die Patientinnen und Patienten gut verständlich und hilfreich sind. Nach Abschluss der Evaluationsphase werden die Ergebnisse weiter analysiert, das Konzept und die Materialien werden überarbeitet und für alle Schulenden online gestellt (www.diabetes-einfach-schulen.de).

 

Literatur

  1. Laube H, Bayraktar H,Gökce Y, Akinci A, Erkal Z, Bödeker RH, Bilgin Y. Zur Diabeteshäufigkeit unter türkischen Migranten in Deutschland. Diabetes und Stoffwechsel. 2001(10):51-56
  2. Kofahl C, von dem Knesebeck O, Hollmann J, Mnich E. Diabetesspezifische Gesundheitskompetenz: Was wissen türkischstämmige Menschen mit Diabetes mellitus 2 über ihre Erkrankung? Online-Publikation: 2013. Gesundheitswesen. Georg Thieme Verlag KG. DOI http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1334936

 




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