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PD Dr. Ruth Deck

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

(Campus Lübeck)

Institut für Sozialmedizin

Ratzeburger Allee 160 (Haus 50)

23538 Lübeck

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Vorbereitung auf die Reha: Was wissen Rehabilitanden über die Rehabilitation? Kenntnisstand, Zugangswege und Optimierungsstrategien

Jürgen Höder und Ruth Deck - Institut für Sozialmedizin - Universität Lübeck

 

Wer sich medizinischen Maßnahmen aussetzt, hat einen Anspruch darauf, über Inhalt, Ablauf und Folgen dieser Maßnahmen zutreffend und verständlich informiert zu werden. Wir untersuchen, wie weit dieser Anspruch im Bereich der Rehabilitation bei muskuloskelettalen Erkrankungen erfüllt wird und welche Auswirkungen durch Verbesserungsversuche zu erwarten sind. Dazu dienen vier Teilstudien.

 

Studie 1 untersucht, was Rehabilitanden[1] nach eigener Auffassung und nach Ansicht von Experten vor Antritt einer medizinischen Rehabilitation wissen sollten.

 

Studie 2 recherchiert, welche Informationsquellen das in Studie 1 geforderte Wissen zur Verfügung stellen und ob diese Quellen leicht erreichbar und verstehbar sind.

 

Studie 3 fragt die Betroffenen, welche Informationsquellen sie tatsächlich benutzt haben und wie sie deren Nutzen bewerten.

 

Studie 4 stellt neues, verbessertes Informationsmaterial vor und prüft, welche Auswirkungen es auf das Wissen, die Rehaziele, die Nachsorgeaktivitäten und den selbsteingeschätzten Rehaerfolg hat.

 

Diese vier Teilstudien werden nun im Einzelnen zusammenfassend vorgestellt.

 

Studie 1

Ziel: In Studie 1 ging es um die Frage, über welche Aspekte der Rehabilitation Rehabilitanden vor der Reha informiert sein sollten.

 

Methode: Dazu führten wir einen Workshop mit Experten der Einrichtungen, Wissenschaft und Träger durch und befragten 24 Rehabilitanden aus drei Kliniken in vier Gruppeninterviews sowie einer schriftlichen Befragung. Die Interviews wurden transkribiert und auf Informationswünsche hin durchgesehen. Zwischen den Experten und den Rehabilitanden gab es keine grundsätzlichen Differenzen.

 

Ergebnisse: Die gefundenen Kernthemen  lauteten: Das Wesen der Reha, Persönliche Rehaziele – Bedeutung und Formulierung, klinikspezifische Informationen, die Notwendigkeit der Eigeninitiative und der aktiven Mitarbeit, grundlegendes Therapiekonzept, wichtige Therapien und Beratungsmöglichkeiten, die Bedeutung wirtschaftlicher und beruflicher Fragen sowie Notwendigkeit und Möglichkeiten der Nachsorge. Als Medien wurden übersichtlich gestaltete Broschüren, Abbildungen und Fotografien, Erfahrungsberichte von echten Rehabilitanden und Videofilme im Internet genannt.

 

Studie 2

Ziel: Welche Informationsquellen für angehende Rehabilitanden existieren, und wie steht es um ihre Qualität?

 

Methode: Das Informationsmaterial wichtiger Leistungsträger, Institutionen, Verbände, Vereinigungen und zahlreicher Leistungserbringer wurde untersucht. Das gefundene Material wurde geprüft auf leichte Erreichbarkeit, Verständlichkeit, Nützlichkeit und inhaltlicher Korrektheit. Als Indikatoren der Verständlichkeit dienten Lesbarkeitsformeln und die Ratingskalen des Hamburger Verständlichkeitskonzepts. Die Einschätzung der Nützlichkeit durch unabhängigen Rater orientierte sich an der Nähe zu den in Studie 1 gefundenen Kernthemen.

 

Ergebnisse: Die umfangreiche Recherche zeigte: Es gibt nur wenige Quellen, aus denen Rehabilitanden sich informieren können. Dazu zählen die Deutsche Rentenversicherung, die Technikerkrankenkasse, die Patientenorganisation Rheuma-Liga, ein Gesundheitsportal (GesundheitPro) und die Rehaeinrichtungen selbst. Aus diesen Quellen untersuchten wir 154 Dokumente Das wenige Informationsmaterial, das es gibt, wies durchweg Mängel auf. Es ist nicht verständlich genug oder von geringem Nutzen. Einige wichtige Themen werden kaum angesprochen. Am besten schnitt die Broschüre der Rentenversicherung ab. Sie bringt den meisten nützlichen Inhalt und ist für die Versicherten der DRV Bund sehr leicht erreichbar – aber nur für diese. Leider fehlt es ihr an vielen Stellen an Verständlichkeit.

 

Studie 3

Ziel: Nachdem wir in Studie 1 festgestellt hatten, welche Informationen aus Experten- und Rehabilitandensicht wichtig sind, ging Studie 2 der Frage nach, wo sich Rehabilitanden diese Informationen beschaffen könnten. Studie 3 fragte, welche Informationsquellen die Rehabilitanden benutzten und welches Wissen aus diesen Quellen entsprang.

 

Methode: Wir befragten 163 Personen zu Beginn ihrer orthopädischen Reha in drei Rehakliniken mit einem Fragebogen. Er bestand aus zwei Teilen. Ein Teil gab zehn potenzielle Informationsquellen vor (Beispiele: Hausarzt, Internet) und fragte, ob diese Quellen benutzt wurden, welche Menge an Information gewonnen wurde und ob die Informationen neu, verständlich und nützlich waren. Den zweiten Teil des Fragebogens bildete ein selbstentwickelten Wissenstest mit 30 Multiple-Choice-Fragen zu den in Studie 1 gewonnenen Kernthemen. Der Bogen enthielt auch eine Frage nach den Rehazielen der Rehabilitanden. Die Rehaziele wurden von zwei Beurteilern in Anlehnung an die ICF kategorisiert.

 

Ergebnisse: Die Untersuchungsteilnehmer gaben an, im Durchschnitt aus einer bis zwei Quellen Informationen erhalten zu haben. Am häufigsten genannt wurden die DRV und der Hausarzt (jeweils ca. 30 Prozent). Seine Informationen fielen allerdings recht kurz aus und betrafen nur zwei der Kernthemen. 65 Prozent erinnerten sich an keine einzige nützliche Information. Welches Wissen resultierte aus diesen Quellen? Etwa die Hälfte der Fragen im Wissenstest wurde richtig beantworteten (die Wahrscheinlichkeit, die richtige Antwort zu raten, lag bei ca. 25 Prozent). Ein ausbaufähiges Verständnis der Rehabilitation zeigte auch die Wahl der persönlichen Rehaziele. Die meisten Ziele fielen in Kategorie 2, das heißt es waren eher vage formulierte Ziele aus den ICF-Bereichen Aktivität, Teilhabe oder personbezogene Kontextfaktoren. Beispiele: Sport treiben können – Freude am Leben haben – mehr Wissen über die Krankheit.

 

Studie 4

Ziel: Studie 4 untersuchte die Auswirkungen des selbst entwickelten Informationsmaterials auf Gruppen von Rehabilitanden mit muskuloskelettalen Erkrankungen.

 

Material: Die inhaltlich auf die Bedürfnisse von Rehabilitanden und Experten abgestimmten Texte der sechzehnseitigen Broschüre „So geht Reha!“ waren sehr leicht verständlich formuliert. Die Broschüre wies schon auf dem Titelblatt auf die zugehörige Website vor-der-reha.de hin. Sie enthielt zusätzlich Videointerviews mit erfahrenen Rehabilitandinnen und Rehabilitanden sowie Experten aus Klinik und Wissenschaft, ferner ein Lexikon zur Erläuterung rehatypischer Begriffe und – zu einer eher spielerischer Beschäftigung mit dem Thema – verschiedene Ratemöglichkeiten.

 

Methode: 856 Rehabilitanden mit muskuloskelettalen Erkrankungen wurden sequenziell randomisiert in eine Interventions- (N = 375) und eine Kontrollgruppe (N = 481). Die Interventionsgruppe erhielt zusammen mit dem üblichen Einladungsschreiben der Einrichtung die neue Broschüre „So geht Reha!“, die Kontrollgruppe erhielt nur das übliche Material. Beide Gruppen füllten zu Beginn ihrer Reha einen Fragebogen aus. Er enthielt u. a. Wissensfragen, eine Frage nach den Rehazielen der Rehabilitanden und den IMET. Die Rehaziele wurden von zwei Beurteilern in Anlehnung an die ICF kategorisiert. Der Bogen der Interventionsgruppe fragte zusätzlich danach, wie die Rehabilitanden das neue Informationsmaterial genutzt und bewertet hatten. Etwa drei Monate nach Ende der Reha erhielten beide Gruppen einen zweiten Fragebogen. Er thematisierte Art und Ausmaß von Nachsorgeaktivitäten. Ferner legte er den Rehabilitanden ihre zu Beginn der Reha geäußerten Rehaziele wieder vor und bat um Einschätzungen, wie weit diese persönlichen Ziele erreicht worden waren.

 

Ergebnisse: Die neue Broschüre wurde von knapp der Hälfte ganz und von einem weiteren Drittel teilweise gelesen. Von den Lesern, die über einen Internetzugang verfügten (83 Prozent), besuchten 30 Prozent die Seite vor-der-reha.de, das sind 72 Personen. Von diesen schauten sich 29 einige Videofilme an. Die übrigen Elemente wurden fast gar nicht genutzt. Die Bewertung des neuen Materials nach Verständlichkeit und Nützlichkeit fiel überwiegend positiv aus. – Zwischen den Gruppen ergaben sich keine klaren, bedeutsamen Unterschiede – weder im Wissen über die Reha, noch in der Art der Rehaziele, den Nachsorgeaktivitäten oder im Ausmaß der Zielerreichung. Einzelne signifikante Befunde waren sehr gering, gingen in beide Richtungen und lassen sich im Lichte der  gesamten Ergebnisse als eher zufällig deuten.



[1] mit „Rehabilitand“ sind immer beide Geschlechter gemeint. Das gilt ebenso für alle übrigen Personenbezeichnungen.




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