Projekt: "Evaluation von berufsorientierten stationären und poststationären Maßnahmen bei kardiologischen Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemen (BERUNA)" (Prof. Karoff)
Personen und Institutionen
Prof. Dr. med. Marthin Karoff
Klinik Königsfeld der Deutsche Rentenversicherung Westfalen
Klinik an der Universität Witten/Herdecke
Holthauser Talstr. 2
58256 Ennepetal
Prof. Dr. Eike Hoberg
Klinikum Holsteinische Schweiz
Am Hängebargshorst 1
23714 Bad Malente
Dr. Dipl.-Psych. Jörg Kittel
Institut für Rehabilitationsforschung, Norderney
Abteilung Königsfeld
Universität Witten/Herdecke
Holthauser Talstr. 2
58256 Ennepetal
Mag. Daniela Huber,
Dipl.-Psych. Nicole von Hoerschelmann
Dipl.-Psych. Carsten Heppner
Universität Witten/Herdecke
Laufzeit
01.05.2008 bis 31.03.2012
Förderer
Deutsche Rentenversicherung Bund
Hintergrund
Die frühzeitige Identifikation von Patienten mit hohem Frühberentungsrisiko und die Verbesserung des Integrationserfolgs von Rehabilitanden mit besonderen beruflichen Problemlagen ist eine wesentliche Zielsetzung der medizinischen Rehabilitation. In einem erfolgreichen Vorläuferprojekt[1] konnte nachgewiesen werden, dass Rehabilitationsprogramme, die verstärkt auf berufsbezogene Problemlagen ausgerichtet sind, den Wiedereingliederungserfolg von kardiologischen Rehabilitanden deutlich verbessern. Ziel der BERUNA-Studie war eine Erweiterung der Evaluation von berufsorientierten Maßnahmen bei kardiologischen Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemlagen. Die Studie sollte Erkenntnisse liefern, inwieweit eine Kombination aus intensivierter berufsbezogener Rehabilitation und individualisierten tätigkeitsbezogenen Nachsorgeangeboten die Teilhabe am Arbeitsleben ein Jahr nach Ende der Rehabilitation verbessern kann.
Aufgrund der Verzögerungen im Projektablauf wurde die Studie um eine telefonische Nachbefragung der Rehabilitanden 24 bis 36 Monate nach Reha-Ende erweitert. Es sollten Sichtweisen der Studienteilnehmer erfasst werden, um daraus Rückschlüsse für eine qualitative Weiterentwicklung der stationären und poststationären MBOR-Behandlungskonzepte ziehen zu können.
Ziele/Fragestellung
Ziel des Projekts war es, die Umsetzung und die Wirksamkeit eines intensivierten berufsorientierten stationären Reha-Programms für kardiologische Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemen zu überprüfen, das ergänzend eine Nachsorgeleistung vorsieht. Primäres Zielkriterium bildete die berufliche Wiedereingliederung zwölf Monate nach Ende der Rehabilitation. Sekundäres Zielkriterium waren die Reduzierung von AU-Zeiten sowie die Verbesserung der Lebensqualität.
Studiendesign/Methodik
Die rekrutierten Patienten wurden an zwei Klinikstandorten randomisiert entweder dem berufsorientierten Programm oder der allgemeinen kardiologischen Rehabilitation zugewiesen. Interventionsgruppe (IG) und Kontrollgruppe (KG) sollten jeweils 150 Rehabilitanden aufweisen. Die Teilnehmer der IG erhielten zusätzlich zur normalen Rehabilitation regelhaft Einzelgespräche mit dem sozialen und dem psychologischen Dienst sowie bei Bedarf EFL. Die Fälle wurden im Team besprochen; es fand eine interdisziplinäre Abschlussbesprechung statt.
Im Anschluss an die Rehabilitation wurde den IG-Teilnehmern eine Reha-Nachsorge angeboten: sechs Monate Dauer, berufsbegleitend vier halbtägige Termine im Abstand von sechs Wochen. Inhalte: berufsbezogenes Gruppengespräch, ärztliches Gespräch, psychologisches Einzelgespräch, ggf. EFL, Belastungsergometer, Sozialberatung, Entspannungsübungen, Stressbewältigung.
Aufgrund der unerwartet niedrigen Teilnahmebereitschaft an der Nachsorge wurde die Studie um eine telefonische Nachbefragung der Rehabilitanden 24 bis 36 Monate nach Reha-Ende erweitert. Es sollten Sichtweisen der Studienteilnehmer erfasst werden, um daraus Rückschlüsse für eine qualitative Weiterentwicklung der stationären und poststationären MBOR-Behandlungskonzepte ziehen zu können.
Zu Beginn der Rehabilitation wurden 306 Personen in die Studie eingeschlossen. Bei den Befragungen konnten Rücklaufquoten von 95% zu Rehabilitationsende, von 77% sechs Monate nach Reha-Ende und von 73% bei der Erhebung zwölf Monate nach Ende der Rehabilitation erzielt werden. An der telefonischen Nachbefragung nahmen 182 (IG=92, KG=90) Rehabilitanden teil. Die Vergleichsgruppen waren im Wesentlichen strukturgleich. Das mittlere Alter der größtenteils männlichen Studienteilnehmer (88%) lag bei 49,4 Jahren. 18% waren arbeitslos, 22% der Patienten waren im Vorfeld der Rehabilitation länger als drei Monate arbeitsunfähig. Neben dem Wunsch, einen Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung zu stellen (50%), waren die Studienteilnehmer zu Beginn der Rehabilitation durch hohe Werte bei Ängstlichkeit und Depressivität charakterisiert. Der AHB-Anteil war in den beteiligten Reha-Kliniken betrug 71% versus 36%.
Ergebnisse
Wiedereingliederung: Ein Jahr nach Ende der Rehabilitation zeigten die Vergleichsgruppen hinsichtlich der beruflichen Wiedereingliederung keine signifikanten Unterschiede sondern ähnliche Ergebnisse (IG=72%, KG=75%). Der Großteil der zu Beginn der Rehabilitation arbeitslosen Patienten verblieb in der Arbeitslosigkeit (IG=69%, KG=65%). Bei Patienten mit Arbeitsunfähigkeitszeiten von mehr als drei Monaten im Vorfeld der Rehabilitation zeigte sich ein Jahr nach Ende der Rehabilitation in der IG eine - allerdings nicht signifikant - höhere Rückkehrquote in den Beruf: IG 72%, KG 54% (n=49). Differenziert man die Ergebnisse nach Erhebungsort, ist die höhere Rückkehrquote zumindest in der Klinik Königsfeld signifikant. Bei den Rehabilitanden mit langen AU-Zeiten im Vorfeld der Rehabilitation (n=28) lag der Anteil der Erwerbstätigen ein Jahr nach Reha-Ende bei 87% in der IG und bei 38% in der KG.
Verbesserung der Lebensqualität und arbeitsbezogener Variablen: Im Verlauf der Rehabilitation verbesserten sich in beiden Gruppen die körperlich-funktionellen Zielkriterien sowie die subjektive Prognose der Erwerbstätigkeit. Ebenso wurde eine Reduktion der Ängstlichkeit und der Depressivität erreicht. Die in der Rehabilitation erzielten physiologischen und psychischen Verbesserungen konnten nicht länger als sechs Monate beibehalten werden. Ausnahme „Arbeitsfähigkeit“: Sie konnte in beiden Gruppen signifikant gesteigert werden, in der IG signifikant besser als in der KG. Gruppenunterschiede konnten auch bezüglich der subjektiven Prognose der Erwerbstätigkeit gefunden werden. Zwölf Monate nach Reha-Ende sehen die Teilnehmer der IG ihre Erwerbstätigkeit aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes tendenziell weniger gefährdet als die Patienten der KG und sie beschäftigen sich seltener mit dem Gedanken, einen Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung zu stellen.
MBOR-Nachsorge: Die Teilnahmequote an der poststationären Maßnahme betrug 42% (n=62). Teilnehmer der Nachsorge zeigten sich im Vergleich zu Nichtteilnehmern schon zum Ende der Rehabilitation häufiger davon überzeugt, bis zum Erreichen des Rentenalters berufstätig bleiben zu können und sahen ihre Erwerbstätigkeit durch ihren gesundheitlichen Zustand als weniger gefährdet an. Aussagefähige Prädiktoren für eine Teilnahme an der Nachsorgemaßnahme konnten jedoch nicht identifiziert werden.
Ergebnisse der telefonischen Nachbefragung:
Zwei bis drei Jahren nach der Rehabilitation wurden die Erwartungen an die stationäre Rehabilitation von den Teilnehmern zum großen Teil als erfüllt angesehen. Lediglich in Bezug auf die Beratung hinsichtlich personeller und finanzieller Unterstützung konnten die Erwartungen der Rehabilitanden häufig nicht erfüllt werden. 129 der 182 befragten Rehabilitanden gaben an, nach der Rehabilitation individuelle Nachsorge betrieben zu haben. Am beliebtesten war dabei die Durchführung eines eigenen Sportprogramms, gefolgt von der Teilnahme an einer Herzsportgruppe und Sportangeboten der Krankenkasse. Zeitmangel wegen des Berufs und die Entfernung zur Klinik an war auch hier neben gesundheitlichen Gründen und mangelndem Interesse der am häufigsten genannte Grund für Nichtdurchführung einer individuellen Nachsorge. Insgesamt sah ein Großteil der Befragten beider Gruppen die Notwendigkeit einer besseren Nachsorge. Konkret wünschten sich die Betroffenen mehr Informationen bezüglich Nachsorgeempfehlungen, Alternativen zur Herzsportgruppe und insgesamt mehr Initiative aller beteiligten Institutionen (Rentenversicherungsträger, Hausarzt, Rehabilitationsklinik).
Beruflicher Wiedereinstieg: Probleme gab es sowohl in der IG als auch der KG: gesundheitliche Probleme am Arbeitsplatz, Verlust des Arbeitsplatzes und Probleme mit dem Arbeitgeber. 70 der 182 befragten Rehabilitanden hätten sich hier mehr Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung gewünscht.
Stufenweise Wiedereingliederung: 75 der 182 an der telefonischen Befragung teilnehmenden Rehabilitanden wurde eine stufenweise Wiedereingliederung empfohlen, 54 führten sie tatsächlich durch. Von denjenigen, die eine stufenweise Wiedereingliederung durchlaufen hatten, wurde sie zumeist positiv bewertet. Auch die Akzeptanz der Maßnahme durch Kollegen und Arbeitgeber wurde hoch eingeschätzt.
Schlussfolgerungen
- Besonders gute Integrationsergebnisse erzielten Teilnehmer am MBOR-Programm, die hohe AU-Zeiten im Vorfeld der Rehabilitation aufwiesen. Hier könnte eine gezieltere Auswahl und Zuweisung sinnvoll sein.
- Arbeitslosen Rehabilitanden bietet das Programm keine ausreichende Unterstützung für eine erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung. Hier besteht noch erheblicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf.
- Haupthindernisse für die Teilnahme an einer MBOR-Nachsorge sind beruflich bedingter Zeitmangel und die Entfernung zur Reha-Klinik. Dass sich die Patienten trotz eines teilweise relativ weiten Anfahrtsweges zur Klinik bereit erklärten, an der Nachsorge teilzunehmen, lässt sich als grundsätzlicher Wunsch der Patienten nach Nachsorge durch die Reha-Klinik selbst werten. Zur Verbesserung der Teilnahme an MBOR-Nachsorgeangeboten sollten Nachsorgeleistungen hinsichtlich zeitlicher Rahmenbedingungen, Erreichbarkeit und Inhalten möglichst bedarfsgerecht ausgestaltet werden.
- Ein erheblicher Teil der Rehabilitanden ist mit Problemen beim beruflichen Wiedereinstieg konfrontiert. Dementsprechend wünschten sie sich von der Rentenversicherung mehr Unterstützung vor allem bei Problemen mit dem Arbeitgeber sowie Beratung während des beruflichen Wiedereinstiegs.
- Der Nutzen der stufenweisen Wiedereingliederung für die berufliche Integration wurde von der überwiegenden Mehrheit der Betroffenen positiv bewertet. Gezielte Unterstützungs- und Beratungsleistungen insbesondere bei stufenweiser Wiedereingliederung können sinnvoll sein.
Publikationen
Huber, D., Kittel, J., Hoberg, E., von Hoerschelmann, N., Karoff, M. (2010): Evaluation von berufsorientierten stationären und poststationären Maßnahmen bei kardiologischen Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemen (BERUNA-Studie). DRV Schriften Band 88: 424-426.
Huber, D., Kittel, J., Karoff, J., Karoff, M. (2011): Evaluation von berufsorientierten stationären und poststationären Maßnahmen bei kardiologischen Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemen. Kurz: Berufsbezogene Rehabilitation und Nachsorge (BERUNA-Studie). DRV Schriften Band 93: 192-194.
Huber, D., Hoerschelmann, N., Hoberg, E., Karoff, M., Kittel, J.: Evaluation von berufsorientierten stationären und poststationären Maßnahmen bei kardiologischen Rehabilitanden mit berufsbezogenen Problemen (BERUNA). Ergebnisse einer randomisierten Kontrollgruppenstudie. Die Rehabilitation (zur Veröffentlichung eingereicht).
[1] Kittel J, Karoff M (2008). Lässt sich die Teilhabe am Arbeitsleben durch berufsorientiert kardiologische Rehabilitation verbessern? Ergebnisse einer randomisierten Kontrollgruppenstudie. Die Rehabilitation, 47: 14–22.
< Materialien NaSo 1 - Deck
